Mobilität und Gerechtigkeit

In verschiedenen Gesprächen und Diskussion wird immer wieder die Forderung vorgebracht, dass der Verkehr „gerecht“ aufgeteilt werden soll. Auch im Leitbild 2004 findet sich der Satz: „Der Verkehr im Ort wird daher möglichst gleichmäßig auf alle Straßenzüge aufgeteilt.“ Gewiss erscheint es legitim eine allgemeine Belastung auf alle gleichmäßig zu verteilen, aber bringt es uns auch wirklich substanziell weiter?

Einerseits teilt sich der Kfz-Verkehr (und nur an diesen wird wohl dabei gedacht) nicht von selbst gleichmäßig auf alle Straßenzüge auf. Die kürzesten und schnellsten Wege werden bevorzugt befahren. Es wären einigermaßen kostspielige Leit- und Steuerungssystem zu installieren, wollte man dieses Ziel wirklich erreichen. Darüber hinaus werden damit die durchschnittlich zurückgelegten Wegstrecken unvergleichlich länger und der damit einhergehende Energieverbrauch entsprechend größer.

Grob gerechnet haben wir zur Zeit auf den meistbefahrenen etwa 10 km Straßen durchschnittlich 12000 Fahrten. Das Perchtolsdorfer Straßennetz hat eine Gesamtlänge von etwa 100 km. Eine „gerechte“, gleichmäßige Verteilung hätte zur Folge, dass dann mit mindestens 1200 Fahrten in allen Perchtoldsdorfer Straßen zu rechnen ist, wobei aber Weglängen und damit Zeit- und Energieverbrauch vervielfacht werden. Das kann doch nicht unser Ziel sein!

Sicherlich muss eine Mobilitätsleibild zu einer möglichst gerechten Lösung führen, aber wir müssen uns zuvor gründlich mit der Frage beschäftigten, was Gerechtigkeit in Zusammenhang mit Mobilität bedeuten kann.

Wie ist das z.B. mit der gerechten Aufteilung der Verkehrsflächen für alle Mobilitätsarten? Ist es gerecht, wenn z.B. die Engstelle am Beginn der Hochstraße für Autos bequem zu durchfahren ist, FußgängerInnen über einen angedeuteten Gehsteig balancieren müssen und Radfahrende einen enormen Umweg in Kauf nehmen müssen, wenn sie sich StVO-konform vom Marktplatz in die Hochstraße bewegen wollen? Ist es gerecht, dass von Radfahrenden immer wieder verlangt wird, dass sie von ihrem Fahrzeug absteigen und es schieben sollen, wohingegen kein Mensch auf die Idee käme, von einem Autofahrenden zu verlangen, dass er sein Auto aus der Garage über den Gehsteig auf die Straße schiebt? Ist es gerecht, wenn der eine einen halben Quadratmeter Raum in Anspruch nimmt, um seine Mobilitätsbedürfnisse zu stillen und der andere 15 Quadratmeter, 40 inklusive Stellplatz und einige 100 inklusive Bremsweg und Lärmglocke? Ist es gerecht, wenn in Straßenbau und -erhaltung unvergleichlich mehr Geld fließt, als in Geh- und Radwege und den Öffentlichen Verkehr gemeinsam? Ist es gerecht, wenn wir heute, um uns in unseren 2-Tonnen-Mobilitätsuntersätzen zu bewegen, die Ressourcen aller nachfolgenden Generationen gewissermaßen auf ex aufbrauchen?

Man sieht, das Gerechtigkeitsargument kann zu durchaus unangenehmen Fragen führen, dennoch müssen wir sie uns stellen und so gut als möglich beantworten – denn die wirklichen Gerechtigkeitsfragen werden früher oder später mit Gewissheit gestellt werden. Laut Wikipedia bezeichnet der Begriff der Gerechtigkeit „einen idealen Zustand des sozialen Miteinanders, in dem es einen angemessenen, unparteilichen und einforderbaren Ausgleich der Interessen und der Verteilung von Gütern und Chancen zwischen den beteiligten Personen oder Gruppen gibt.“

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4 Antworten

  1. Gerechtigkeit und Gleichstellung aller Verkehrsteilnehmer…

    Dazu fällt mir folgendes ein:

    Streupflicht. Ich stelle fest, daß im Bereich Balthazar-Krauß-Gasse und der Wiener Gasse viele Grundstückseigentümer ihrer gesetzlichen Streupflicht nicht in ausreichendem Maße nachkommen. Und ich spreche hier nicht von 6 Uhr morgens und auch nicht im Falle von anhaltendem dichten Schneefall sondern von tagelangen Versäumnissen bei der Räum- UND Streupflicht.

    Beleuchtung der Gehwege. Auch hier wieder im Bereich Balthazar-Krauß-Gasse die Situation, daß die Autoabstellplätze gut beleuchtet sind, die Gehwege aber im Dunkeln liegen. Sehr intelligente Planung. Abgesehen davon, daß die Ausleuchtung auch unter den Leuchtkörpern sehr mangelhaft ist.

    Die mit Rasensteinen befestigten Autoabstellplätze in der angegebenen Gasse werden kaum angenommen. Dafür wird auf den ohnehin nur noch spärlich vorhandenen, devastierten Grünflächen geparkt.

    Zum Ausgleich muß man bei der Haltestelle B.-Krauß-Gasse in den Gatsch steigen, wenn man in den Bus will. Für die Rasensteine der Autoabstellplätze hat das Geld gereicht. Für eine Befestigung der Fläche vor der Haltestelle wohl nicht. Desgleichen wird im Winter der Schnee bei der gegenüberliegenden Haltestelle durch die örtlichen Räumfahrzeuge am Straßenrand und teilweise am Gehsteig aufgetürmt, so daß man zum Besteigen des Busses erst einmal kniehoch in den Schnee steigen muß.

    Das sind nur ein paar kleine, aber symptomatische Beispiele in meiner Umgebung, die mir gach einfallen zur Benachteiligung von Fußgehern in unserer Marktgemeinde. Ähnliche Beispiele werden sich wohl über den ganzen Ort verteilt finden lassen.

    Fazit: Fußgeher haben in dieser Gemeinde überhaupt keinen Stellenwert.

    • Gerne möchte ich ergänzen: NOCH! 🙂

      • Die Botschaft hör‘ ich wohl………

  2. Dem ist nur vollinhaltlich zuzustimmen.
    Ich möchte nur noch schärfer formulieren: Auf unseren Straßen gilt das recht des Stärkeren! Dieses Recht des Stärkeren ist nicht nur Gewohnheitsrecht, sondern wird sogar durch viele Bestimmungen unseres Rechtssystems „einbetoniert“. Das ist eine „Diktatur“ des Faktischen. Wir wir aus der Geschichte wissen (und derzeit im arabischen Raum bestätigt sehen), ist keine Diktatur auf Dauer haltbar. Die Profiteure (auch dieses unseres Verkehrssystems) leisten aber immer so lange als möglich Widerstand gegen Angriffe auf ihre Privilegien. Uns nachfolgende Generationen werden aber einmal fragen, warum wir (trotz Demokratie) diese Ungerechtigkeiten zugelassen haben.

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