Mobilität und Kinder

Die Schweizer Forschungs- und Dokumentationsstelle „Kind und Umwelt – KUM“ hat sich auch intensiv mit dem Thema Kind und Verkehr auseinandergesetzt. Dabei gelangte man zu Ergebnissen, die auch in unserem Perchtoldsdorfer Mobilitätsleitbild berücksichtigt werden sollten.

Beispielsweise untersucht Marco Hüttenmoser in der sehr lesenswerten Studie „Zum Stellenwert von Primärerfahrungen von Kindern im Außenraum“ wie Kinder öffentliche Räume wahrnehmen und welchen Einfluß der Verkehr, die Gestaltung öffentlicher Räume und auch die Einstellung der Eltern zum Verkehrsgeschehen auf die Entwicklung der Kinder haben. Entscheidend für die Persönlichkeitsentwicklung sind dabei die von den Kindern selbst gemachten Erfahrungen und wieviel Raum sie vorfinden, der ihnen das ermöglicht. Soziale Kontakte, die Begegnung mit anderen Kindern, das gemeinsame Erleben, wirken dabei als wichtiger Verstärker. „Die Frage stellt sich, ob unsere Gesellschaft – unabhängig von den angeborenen Besonderheiten der Kinder und den unterschiedlichen erzieherischen Fähigkeiten der Eltern – die für das gesunde Aufwachsen der Kinder nötigen Freiräume zur Verfügung stellt und den Kindern somit reiche und intensive primäre Erfahrungen ermöglicht.“

80 und mehr Prozent der Eltern bezeichnen den motorisierten Straßenverkehr als Hauptursache dafür, dass sie die Kinder nicht allein ins Freie lassen können und wollen. Auf dem Land gibt es im Vergleich zur Stadt zwar deutlich weniger Straßenverkehr, aber es wird auf den vielfach gut ausgebauten Straßen zu schnell gefahren. Zwei, drei Schnellfahrer in der Nachbarschaft genügen, dass man jüngere Kinder nicht allein im Freien spielen lässt.

Verschiedene Untersuchungen zeigen auch, „dass es nicht am erhöhten Medienkonsum liegt, dass die Kinder nicht im Freien spielen, sondern an der unwirtlichen und durch den Motorfahrzeugverkehr gefährdeten Umwelt. Es ist der Straßenverkehr, der die Kinder unter die Räder des Fernsehers oder Spielcomputers treibt.“

Wenn die Umwelt stimmt, sind die Kinder auch heute noch oft im Freien. Stimmt sie hingegen nicht, so reduziert sich der Aufenthalt im Freien um ein Vielfaches. Bei einer Untersuchung in Zürich-Leimbach, das sehr gute Wohnumfeldqualitäten aufweist, zeigte sich, dass bei schönem Wetter fast 30 Prozent der drei- bis neunjährigen Kinder bis zu drei Stunden im Freien weilt, weitere 28 Prozent drei bis vier und etwas mehr als 15 Prozent vier und mehr Stunden. Der Anteil an Vorkindergartenkindern ist dabei beachtlich. So sind 16 Prozent dieser Altersgruppe 3 bis 4 Stunden im Freien und damit gleich lange wie die Schulkinder.

Im Rahmen eines schweizerischen Nationalfondsprojekts wurden 173 SchulanfängerInnen gebeten ihre Wohnumgebung zu zeichnen. Je nachdem, wieweit sich die Kinder alleine im öffentlichen Raum aufhalten durften, fiel auch die Ausgestaltung der Zeichnungen aus. Je vertrauter, umso bunter.

Salomé darf ab und zu allein ins Freie. Sie hat in er Nähe zwei Nachbarkinder, mit denen sie spielen darf. Wie sie ihre Situation festhält ist eindrücklich. Die einzelnen Häuser auf der einen Seite der Straße, von denen sie eines bewohnt, sind bis in ihre Gibeldächer bunt bemalt. Zu jeder Haustüre führt ein Weg. Hier fühlt sich Salomé zu Hause. Auch die Sonne platziert Salomé in diesen freundlich farbigen Ausschnitt ihrer Welt. Vor der Häuserreihe führt eine breite Straße in großem Bogen quer durch die ganze Zeichnung. Autos zeichnet Salomé keine. Der Verkehr ist nur stellvertretend durch Pfeile und Mittellinien angedeutet. Auch auf der andern Seite der Straße hat es Häuser. Salomé zeichnet mit Bleistift jedoch nur ihre Umrisse. Sie bleiben blass, unbelebt und fremd. Durch Farbgebung, Komposition und Ausführung der Zeichnung zeigt das Mädchen die eigene Situation gekonnt und eindrücklich auf. Die Straße trennt! Auf der anderen Seite der Straße habe ich, so berichtet Salomé dem Betrachter des Bildes, nichts zu suchen. Da kann ich nicht spielen, nicht um die Dinge herumgehen, nichts berühren. Alles bleibt deshalb blass und grau.

Auf ähnliche Weise wurden auch Schulwege untersucht. Auffallend viele blieben dabei „erlebnisleer“. Die Kinder hatten am Schulweg keine Chance eigenständig Erfahrungen zu sammeln.

Marco Hüttenmoser kommt auszugsweise zu folgenden Schlussfolgerungen:

Damit Kinder vertieft Primärerfahrungen machen können, sind sie auf Räume im Freien und – im Sinne eines Verstärkers – andere Kinder angewiesen. Schön gestaltete und anregende Räume – etwa öffentliche Spielplätze bringen allerdings kaum etwas, wenn sie nicht von den Kindern selbständig erreicht werden können.

Fehlt es an Räumen, an selbständigen Bewegungsmöglichkeiten so fehlt es auch an primären Erfahrungen, was zu schwerwiegenden Defiziten in der kindlichen Entwicklung sowie zu mangelhafter Entfaltung der Persönlichkeit der Kinder führt.

Man spricht in Bezug auf die Kindheit vom gesellschaftlichen Wandel zu einer verhäuslichten Kindheit. Noch vor einigen Jahrzehnten hatten die Kinder die Möglichkeit im Wohnumfeld und auf Quartierstrassen selbständig reiche Erfahrungen zu sammeln. Grund des Wandels sowie dessen allgemeiner Akzeptanz liegt in der starken Zunahme des privaten Motorfahrzeugverkehrs, der auf Kinder keine Rücksicht nimmt. Es handelt sich dabei nicht um eine – verharmlosend bezeichnete Verhäuslichung der Kinder, sondern um den Wandel von der „Freilaufhaltung zur Batteriehaltung“. Das heißt, der Wandel verläuft genau umgekehrt wie in der Tierhaltung. Was dort heute verboten ist, wird bei Kindern auf breiter Basis akzeptiert.

Nimmt man den Wandel genauer unter die Lupe wird klar, dass er so nicht akzeptiert werden kann. Welche Gesellschaft will und darf die gesunde Entwicklung sowie die Integration der Kinder in die Umwelt beim eigenen Nachwuchs derart in Frage stellen? – Dabei geht es nicht nur darum zu verhindern, dass jährlich hunderte von Kindern auf der Straße getötet, resp. schwer verletzt werden und einige von ihnen ihr Leben lang behindert bleiben, sondern dass einem großen Teil unserer Kinder, die für ihre gesunde Entwicklung entscheidenden Lebensräume weggenommen wurden und dies mit der stetigen Zunahme des Motorfahrzeugverkehrs weiterhin getan wird.

Es braucht einen erneuten Wandel hin zu einer kinderfreundlichen Umwelt. Gefragt sind dabei nicht konsumaufreitzende Indooranlagen, die ihrerseits erneut Verkehr produzieren und die Eltern zwingen, die Kinder zu begleiten, sondern die Schaffung von Freiräumen vor der Hautüre und im Quartier (in der Nachbarschaft).

Ein Verzicht auf das eigene Fahrzeug ist dabei nicht erforderlich. Eine angepasste Fahrweise, die sich dem Schritttempo nähert sobald Kinder im Straßenraum spielen, ermöglicht das Miteinander von privatem Motorfahrzeugverkehr und spielenden Kindern, ohne letzteren reiche „Erfahrungen mit eigener Hand“ zu verunmöglichen.

Die komplette Studie kann hier als .pdf heruntergeladen werden.

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