Einige grundsätzliche Gedanken zur Situation in Perchtoldsdorf

Von einem Anrainer aus der Mozartgasse per Email:

Es gibt verschiedene Herangehensweisen an „Verkehrs“-Probleme.

Die Raumordnung ist ein wichtiger Ansatzpunkt für eine längerfristige Steuerung. (Z.B. wo sind Siedlungen, Arbeitsstätten, Ausbildungsstätten etc. situiert welche Entwicklungsmöglichkeiten wird diesen gewährt.) Gerade der Siedlungsentwicklung wurde dabei erst sehr spät Beschränkungen auferlegt (kein mehrgeschoßiger Wohnbau mehr). D.h. Entscheidungen der Vergangenheit bilden eine erhebliche Hypothek für die aktuelle Situation (z.B. die Auflassung der Straßenbahnlinie 360). Durch die immer größere Verdichtung der letzten Jahrzehnte sind die im wesentlichen unverändert gebliebenen Straßenräume immer intensiver genutzt worden.

Es stellt sich die Frage, welche Raumordnungsmaßnahmen (für Perchtoldsdorf und Umgebung) wären noch sinnvoll, um eine weitere Verschärfung des Problems zu verhindern? Z.B. wäre es gut wenn die Gemeinde eine Parteienstellung für Projekte außerhalb der Gemeinde (und außerhalb von NÖ) hätte, wenn ein Einfluss auf die Infrastruktur von Perchtoldsdorf zu erwarten ist. Ein aktuelles Beispiel ist die angedachte Verbauung des Betriebsgeländes der Zementfabrik (in Wien).

Kurz- und mittelfristig gibt es für die Problemlösung nur das Überdenken der aktuellen Straßennutzung. Da gibt es große Schwächen beim Instrumentarium. Es fehlt vor allem eine Straßennutzungsordnung. Die vorhandene Straßenverkehrsordnung ist einseitig auf (Auto-)VERKEHRSregeln fixiert. Andere Nutzungen des Straßenraums sind der StVO „artfremd“ (z.B. wenn ein Handelsbetrieb die Fläche vor seinem Geschäft nutzen will, ist das eigentlich nicht vorgesehen.)

Jedenfalls kommt man nicht darum herum, sich für ALLE Straßen zu überlegen, wie soll der Straßenraum genutzt werden, selbst wenn das Instrumentarium dafür unvollständig ist. Dies sollte ein systematischer Prozess sein, der je nach Lage und Umgebung „gerechte“ Lösungen findet.

Je nach Klassifizierung eines jeden Gemeindegebietes sollten bestimmte Prioritäten in einzelnen Straßen gesetzt werden (z.B. wird wohl um Schulen die Sicherheit der Kinder oberste Priorität haben.)

Sehr hilfreich wäre es, wenn bestimmte Rangfolgen außer Streit gestellt werden könnten. Z.B.: Zuerst sollen die Bedürfnisse der Fußgänger optimal befriedigt werden, dann kommen erst die Radfahrer und der Öffentliche Verkehr, dann erst der Autoverkehr. Und zuerst sollen Anrainer-Wünsche (Bewohner, Wirtschaftstreibende, etc.) berücksichtigt werden, dann erst der Durchzugsverkehr.

Diesen Prioritäten sollen Hauptverbindungsachsen für die einzelnen Verkehrsarten überlagert werden. Z.B. wäre erst ein Hauptfußwegnetz, -Radwegnetz zu definieren.

Manchmal wird es mit einander konkurrierende Bedürfnisse geben, dann sollten bei jedem Kompromiss die schwächeren Verkehrsteilnehmer besonders berücksichtigt werden.

Ein wichtiger Ansatzpunkt für Verbesserungen ist eine Veränderung der Verkehrsmittelwahl. Je mehr der vorhandene Straßenraum von weniger Flächen benötigenden, leiseren, abgasfreien Verkehrsarten (Fußgänger, Radfahrer, Öffentlicher Verkehr) genutzt wird, desto weniger Probleme gibt es. So wie bei den Klimazielen (z.B. Energieautarkie), bei denen übrigens unbedingt der Verkehr eingeschlossen werden sollte, sollten für die Gemeinde auch Ziele für den Anteil der verschiedenen Verkehrsmittel (modal split) formuliert werden. Die Erfolge verschiedener Maßnahmen lassen sich dann an der Veränderung des modal split ablesen. Dazu wäre eine regelmäßige (jährliche) Messung des modal split notwendig.

Es wäre sinnvoll Anreizsysteme für die Nutzung wünschenswerter Verkehrsmittel zu entwickeln.

Besonders wichtig wäre es, für jede Straße akzeptable Kapazitätsgrenzen (z.B. nach Kfz pro Stunde bzw. pro Tag und Verkehrslärm) zu definieren. Dann stellt sich jeweils nur mehr die Frage, wie das jeweilige Ziel erreicht bzw. gehalten wird.

Ein in Perchtoldsdorf noch nicht (bewusst) benutztes Steuerungssystem ist eine Parkplatzsteuerung. Der öffentliche Raum ist ein kostbares Gut, dass seinen Preis haben und vor allem effizient genutzt werden soll. Z.B. sollte in zentralen Bereichen der Gemeinde auf Straßenflächen nur Kurzparken an genau definierten Plätzen möglich sein.

Die Schnittstellen zwischen den Verkehrsarten sind zu optimieren. Z.B. sind die Bahnhöfe Liesing (ÖBB), Perchtoldsdorf (ÖBB) und Siebenhirten (Wiener Linien) im öffentlichen Verkehr die wichtigsten Verknüpfungspunkte und können diese Funktion aber nicht optimal bis gar nicht erfüllen. Besonders die Busverbindung vom Ortszentrum nach Liesing ist für den Nutzer des ÖV essentiell. Linienführung im Ortszentrum, Haltestellenqualität, Frequenz, Stauanfälligkeit sind für eine stärkere Nutzung suboptimal. Die Buserschließung des Bahnhof Perchtoldsdorf ist völlig unzureichend; Siebenhirten wird überhaupt nicht direkt erreicht.

Vorhandene Bahntrassen (Kaltenleutgebener Bahn) sollen unbedingt frei gehalten werden, um in Zukunft auch wieder einen Schienenverkehr ins Gemeindezentrum führen zu können (z.B. eine Stadtbahn nach Karlsruher Vorbild). Z.B. könnte in fernerer Zukunft einmal eine Stadtbahn vom Hauptbahnhof Wien über die S-Bahn nach Liesing, die Kaltenleutgebener Bahn und eine Straßenbahntrasse zur Donauwörther Straße und eventuell weiter Richtung Mödling führen. Das wäre eine Art Nachfolger der alten Straßenbahnlinie 360.

Kombinierte Verkehrsformen sind oft die bessere Lösung. Dafür kommt vor allem die Kombination (E-)Rad und Bus/Bahn in Frage. Durch die geringe Qualität oder den völligen Mangel an brauchbaren Radabstellplätzen wird diese Variante extrem behindert. (Z.B. gibt es keine einzige Busstation mit Radabstellmöglichkeit.) Auch dabei gibt es wieder das Problem der Gemeinde und Bundesländergrenze zu Wien. Eigentlich wäre z.B. beim Bahnhof Wien-Liesing eine Fahrradstation dringend notwendig, um die Kombination Rad/S-Bahn attraktiv zu machen. Welche Möglichkeiten hat unsere Gemeinde überhaupt, eine solche extrem wichtige Einrichtung bei unseren Nachbarn zu initiieren?

Der halböffentliche Verkehr (Paratransit) spielt in Perchtoldsdorf durch das P-Taxi schon jetzt eine relativ große Rolle. Das P-Taxi ist aber nicht die einzige mögliche Form. Noch dazu wurde durch die gerade erfolgte Tariferhöhung die Attraktivität geschmälert.

Das P-Taxi ist eigentlich mehr Taxi als Sammeltaxi. Eine andere Paratransit-Form wäre der Rufbus. Dieser wäre eventuell (z.B. für bestimmte Tageszeiten) eine alternative zum Ortsbus. Ein Ortsbus, der nur im Stundentakt und nicht am Wochenende fährt, ist extrem unattraktiv.

Zum Fußgängerverkehr:

Ein attraktives Angebot an sicheren und ausreichend breiten Wegen ist die Voraussetzung dafür, dass die Verkehrsart Gehen den Anteil an allen Wegen erhöhen kann. Derzeit gibt es überhaupt keine Verkehrspolitik in Perchtoldsdorf, die die Fußgängerinteressen wahrnimmt. Eine Straße mit einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit von mehr als 30 km/h und ohne Gehweg (bzw. mit einer Breite, die geringer als ein Kinderwagen oder Rollstuhl ist) ist gefährlich und unbrauchbar. Leider sind viele Straßen bei uns so gestaltet.

Es wäre an der Zeit die offenbar vor Ort nicht vorhandene Expertise auch von außen zu holen. Z.B. vom Österreichischen Fußgängerverein (http://www.walk-space.at).

Jedenfalls sollten der Zentralbereich der Gemeinde und alle Schul-Umgebungen besonders fußgängerfreundlich sein.

Wo ein reiner Fußgängerbereich nicht gewünscht ist, sollten mindestens „Begegnungszonen“ oder „Shared Space“ zur Anwendung kommen.

Zum Radverkehr:

Vorweg, es gibt nicht DEN Radfahrer oder DIE Radfahrerin. Die Unterschiede zwischen verschiedenen Radnutzungen sind extrem groß. Das spiegelt sich auch im jeweils gefahrenen Geschwindigkeitsbereich. Eine Familie mit kleineren Kindern fährt kaum schneller als 10-15 km/h; ein Rennradler oder Radpendler fährt eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 20-40 km/h (und bergab auch noch deutlich schneller). Durch Elektroräder (Pedelecs) ist es nun auch einem wenig trainierten Radler möglich, die Fahrdynamik und Geschwindigkeit eines Rennradlers zu erreichen.

Der Großteil der vorhandenen Radwege in Perchtoldsdorf sind wegen ihres Zustandes, ihrer Dimensionierung und ihrer Linienführung nur für einen langsamen Freizeitverkehr geringer Frequenz ausgelegt. Überall wo es Konfliktpunkte mit dem Autoverkehr geben könnte, wird der Radverkehr gegenüber dem Autoverkehr benachteiligt. ALLE Infrastruktur-Einrichtungen für den Radverkehr in der Gemeinde sind mit wenigen Ausnahmen für das Elektrorad nahezu ungeeignet.

D.h. das vorhandene rudimentäre Radwegenetz ist in allen seinen Dimensionen völlig neu zu überdenken. Will man etwa in die Nähe eines Radverkehrsanteils vergleichbarer Gemeinden in Vorarlberg (Höchst und Lustenau mit 36-38%), oder vielleicht sogar hoch entwickelter Länder (mit um die 50% Radverkehrsanteil) kommen, dann ist alles völlig neu zu denken.

Wie wäre es sich den Grundsatz der niederländischen Raumplanung zu eigen zu machen, jegliche Raumplanung aus der Sicht des Fahrrades zu betrachten? Umgelegt auf eine Verkehrsplanung für Perchtoldsdorf: Das Auto hat sich so im Straßenraum zu bewegen, dass weder Fußgänger noch Radfahrer dadurch behindert oder gefährdet werden.

Ein konkrete, rasche Maßnahme für den Radverkehr wäre z.B. die sofortige Aufhebung ALLER Einbahnen für Radfahrer. (Dies würde dem belgischen Vorbild folgen, wo nur in besonders begründeten Ausnahmefällen eine Einbahn auch für Radler gelten darf.) So wie es für Fußgänger ja auch keine Einbahn gibt, soll es auch keine für Radler geben.

3 Antworten

  1. danke!
    danke!!
    danke!!!
    so viele gute gedanken zum öffentlichen raum!
    martha

  2. Der Beitrag enthält viele sehr interessante, gute Vorschläge; sehr wichtig wäre die vorgeschlagene Erhebung der „Verkehrskapazität“ für die einzelnen Straßen bzw. Ortsgebiete um eine gerechtere Aufteilung bzw. Verteilung des Verkehrs zu gewährleisten.

  3. Der Verfasser hat sehr viele gute Ansätze, die insbesondere auf die Bedürfnisse der schwächsten Verkehrsteilnehmer, FußgängerIn und RadfahrerIn Rücksicht nehmen.
    Übrigens gibt es bei der Bushaltestelle Plättenstraße/Freizzeitzentrum eine Nextbike-Radabstellstation, welche genau der Verbindung ÖV/Radverkehr entspricht.
    Ein Rufbus nach dem Vorbild des Rufbussystems aus Vorarlberg würde tatsächlich dem Anspruch eines ÖV-Sammelverkehrsmittel entsprechen, nicht wie das derzeitige P-Taxi, welches durch beförderung nur einer Person einer Erhöhung der Individualfahrten gleichkommt
    W.H.

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